Epilepsie

Einleitung
Epilepsie ist eine Erkrankung, bei der das Gehirn oder einzelne Hirnbereiche übermäßig aktiv sind und zu viele Signale abgeben. Dies löst die sogenannten epileptischen Anfälle aus. Dabei zucken manchmal nur einzelne Muskeln – es kann aber auch der gesamte Körper krampfen und man verliert das Bewusstsein.
Eine Epilepsie kann in jedem Lebensalter auftreten. Manche Menschen haben schon in der Kindheit ihren ersten Anfall, andere erst im Alter. Zwischen den Anfällen zeigen sich meist keine körperlichen Beschwerden. Allerdings begleitet viele Menschen die Sorge, dass es zu einem erneuten Anfall kommt.
Durch Medikamente kann es gelingen, Anfälle zu verhindern und eine gute Lebensqualität zu erhalten. Leider helfen Medikamente aber nicht immer: Etwa 3 von 10 Betroffenen haben weiter regelmäßig Anfälle. Für sie ist die Krankheit eine besondere Belastung.
Symptome
Ein epileptischer Anfall kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Er kann wenige Sekunden dauern und sogar unbemerkt bleiben, nur einen einzelnen Arm oder ein Bein betreffen oder den ganzen Körper erfassen. Manche Menschen werden bewusstlos, andere sind nur kurz abwesend oder bleiben bei vollem Bewusstsein.
Ein epileptischer Anfall hält selten lange an. Dauert er länger als fünf Minuten, spricht man von einem „Status epilepticus“. Dabei handelt es sich um einen Notfall, der schnell mit Medikamenten behandelt werden muss. Es kann auch vorkommen, dass mehrere Anfälle kurz hintereinander auftreten.
Man unterscheidet bei der Epilepsie zwei Anfallsformen:
- generalisierte Anfälle und
- fokale Anfälle.
Generalisierte Anfälle
Generalisierte Anfälle erfassen das gesamte Gehirn. Sie sind nicht unbedingt schwerer als Anfälle einzelner Hirnbereiche (fokale Anfälle), führen aber häufiger zu Bewusstlosigkeit und Krämpfen im ganzen Körper.
Ein generalisierter Anfall kann sich folgendermaßen zeigen:
- tonisch: Die Gliedmaßen verkrampfen und versteifen sich. Der Anfall ist meist schnell vorbei und das Bewusstsein nicht immer eingetrübt.
- atonisch: In einem Teil des Körpers lässt plötzlich die Muskelspannung nach. Zum Beispiel kann das Kinn auf die Brust fallen oder die Beine können einknicken. Man kann auch kurz das Bewusstsein verlieren und stürzen.
- klonisch: Große Muskelgruppen zucken in langsamem Rhythmus, etwa an den Armen oder Beinen. Meist verliert man dabei das Bewusstsein.
- myoklonisch: Einzelne Muskelgruppen zucken rasch. Das Bewusstsein ist in der Regel nicht beeinträchtigt.
- tonisch-klonisch („Grand mal“): Der gesamte Körper krampft und zuckt, und man wird bewusstlos.
- Absencen: Diese milde Anfallsform äußert sich durch plötzliche, kurze Bewusstseinspausen.
Fokale Anfälle
Fokale Anfälle entstehen in einem bestimmten Bereich des Gehirns. Welche Symptome auftreten, hängt davon ab, für welche Funktion dieser Bereich zuständig ist: zum Beispiel ein Zucken des Arms (motorischer Anfall), eine Gefühlsstörung (sensorischer Anfall) oder eine Veränderung des Sehens (visueller Anfall).
Bei einem fokalen Anfall kann es vorkommen, dass man ungewöhnliche Sinneswahrnehmungen hat, anders hört, sieht, riecht oder geistig abwesend ist. Auch Schwindel, Angstzustände oder Halluzinationen sind möglich. Dies wird als Aura bezeichnet. Andere Menschen schmatzen, grimassieren, stammeln, laufen ziellos umher oder nesteln an Dingen herum. Fokale Anfälle können mit Zuckungen oder Krämpfen einhergehen. Manchmal schränken fokale Anfälle das Bewusstsein oder die Aufmerksamkeit ein.
Fokale Anfälle können sich auf das gesamte Gehirn ausbreiten und zu einem generalisierten Anfall werden.
Zwischen den Anfällen haben Menschen mit einer Epilepsie meist keine körperlichen Beschwerden.
Ursachen und Risikofaktoren
Das Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen. Bestimmte Bereiche des Gehirns steuern die Bewegung, andere die Sprache, Wahrnehmung oder Gefühle. Die Nervenzellen sind durch elektrische und chemische Signale miteinander verbunden. Bei einem epileptischen Anfall ist das Zusammenspiel der Nervenzellen vorübergehend gestört.
Dies führt dazu, dass einzelne Gehirnbereiche oder das ganze Gehirn übermäßig aktiv sind und zu viele Signale abgeben. Manchmal spricht man daher auch von einem „Gewitter im Gehirn“, das sich im übrigen Körper zum Beispiel als Krampfanfall bemerkbar macht.
Eine Epilepsie kann sehr verschiedene Ursachen haben – zum Beispiel Verletzungen, Entzündungen der Hirnhaut oder des Gehirns, Schlaganfälle oder Tumoren. Das nennen Fachleute „symptomatische Epilepsie“. Oft lässt sich jedoch keine eindeutige Ursache für die Epilepsie feststellen.
In manchen Familien tritt Epilepsie über mehrere Generationen hinweg auf. Das ist ein Hinweis auf eine genetische Veranlagung für die Erkrankung.
Bei manchen Menschen mit Epilepsie können Reize wie zum Beispiel Flackerlicht in einer Diskothek einen Anfall auslösen. Auch bestimmte Umstände können gelegentlich zu Anfällen führen: zum Beispiel zu wenig Schlaf, Sauerstoffmangel, Vergiftungen, Alkohol oder – vor allem bei Kindern – hohes Fieber. Solche Faktoren können aber auch ohne Epilepsie einen Krampfanfall auslösen. Dann spricht man von einem Gelegenheitsanfall. So haben beispielsweise Kinder, die zu Fieberkrämpfen neigen, nur sehr selten auch eine Epilepsie.
Häufigkeit
Von Epilepsie sprechen Fachleute erst, wenn epileptische Anfälle ohne ersichtlichen Auslöser mehrfach auftreten. Das ist statistisch bei knapp 1 von 100 Menschen der Fall. Rechnet man Gelegenheitsanfälle hinzu, haben nach Schätzungen etwa 10 von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens mindestens einen epileptischen Anfall.
Eine Epilepsie kann in jedem Alter zum ersten Mal auftreten. Bei vielen beginnt sie bereits im Kindesalter; etwas seltener im mittleren Alter zwischen 40 bis 59 Jahren. Erst danach werden Neuerkrankungen wieder häufiger.
Verlauf
Viele Menschen haben nur einmal im Leben einen Anfall – oder nur über wenige Monate oder Jahre eine Epilepsie. Andere begleitet die Erkrankung auf Dauer. Nach einem ersten Anfall hat etwa die Hälfte der Betroffenen einen zweiten. Nach zwei Anfällen steigt das Risiko weiter an: Dann haben etwa 7 von 10 Betroffenen innerhalb der nächsten Jahre erneut einen epileptischen Anfall.
Das sind jedoch Durchschnittswerte. Das individuelle Risiko für einen weiteren Anfall hängt stark von der Ursache ab: So ist das Risiko für weitere Anfälle bei bekannter Ursache wie einer Gehirnerkrankung etwa doppelt so hoch wie bei unbekannter Ursache oder einer genetischen Veranlagung.
Manche Menschen nehmen ein Medikament ein, sind über Jahre ohne Anfälle und bleiben es auch nach Absetzen der Medikamente. Andere sind nur anfallsfrei, solange sie Medikamente nehmen. Etwa 3 von 10 Menschen mit Epilepsie haben trotz verschiedener Behandlungen regelmäßig Anfälle.
Folgen
Nach einem stärkeren epileptischen Anfall muss man erst einmal wieder zu sich finden. Manche Menschen sind in den Stunden nach einem Anfall erschöpft und schlafen dann sehr viel. Es kann auch zu depressiven Beschwerden, Vergesslichkeit, Sprachstörungen oder Lähmungen kommen, die aber wieder vorübergehen. Andere Menschen sind nach wenigen Minuten völlig wiederhergestellt und können zum Beispiel wieder ihrer Arbeit nachgehen oder am Schulunterricht teilnehmen.
Ein epileptischer Anfall kann zu Verletzungen führen. Dies trifft vor allem auf den generalisierten Anfall zu, bei dem der gesamte Körper krampft. Dabei kann man stürzen, sich stoßen oder auf die Zunge beißen.
Besonders bei häufigen Anfällen kann die Angst vor einem weiteren psychisch sehr belastend sein. Eine Epilepsie kann zudem das Risiko für Depressionen erhöhen.
Ein Anfall verursacht keine bleibenden Gehirnschäden und auch keine geistigen Behinderungen. Jahrelange häufige und schwere Anfälle können jedoch dazu führen, dass man vergesslicher und unkonzentrierter wird.
Ob eine Epilepsie die Lebenserwartung verkürzt, hängt stark von ihrer Ursache ab. Zwar sterben Menschen, deren Epilepsie durch eine andere Erkrankung verursacht wird, im Schnitt früher als andere – das liegt aber häufig nicht an der Epilepsie, sondern an der Grunderkrankung. Menschen, deren Epilepsie eine genetische Ursache hat, haben eine ähnliche Lebenserwartung wie Menschen ohne Epilepsie.
Die Epilepsie selbst kann zum Tod führen, wenn
- jemand aufgrund eines Anfalls einen Unfall hat und sich lebensgefährlich verletzt oder
- ein schwerer, anhaltender Anfall (Status epilepticus) dazu führt, dass das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird, sodass Herz und Lunge versagen.
Es kommt sehr selten vor, dass Menschen mit Epilepsie plötzlich und unerwartet sterben. Dies wird als „sudden unexpected death in epilepsy“ (kurz SUDEP) bezeichnet.
Diagnose
Meist wird eine Epilepsie festgestellt, wenn
- es zu mindestens zwei Anfällen gekommen ist,
- zwischen den Anfällen mindestens 24 Stunden lagen und
- kein Hinweis auf einen Gelegenheitsanfall besteht.
Eine Epilepsie kann auch diagnostiziert werden, wenn nach einem ersten Anfall das Risiko für einen zweiten Anfall deutlich erhöht ist – zum Beispiel bei einer Gehirnerkrankung.
Zudem gibt es seltenere Epilepsie-Formen, die als Epilepsie-Syndrome bezeichnet werden. Dazu zählen beispielsweise das West-Syndrom oder die Abscence-Epilepsie, die bei Kindern auftreten können.
Für die Diagnose ist vor allem die Krankengeschichte wichtig: Wann und unter welchen Umständen ist der Anfall aufgetreten? Wie hat er sich geäußert? Häufig kann man sich selbst an den Anfall nicht mehr gut erinnern. Dann ist es sinnvoll, eine Person zur Untersuchung mitzunehmen, die den Anfall miterlebt hat und beschreiben kann, wie er genau abgelaufen ist.
Neben der körperlichen und neurologischen Untersuchung wird eine Blutprobe genommen.
Meist werden zudem mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) die Hirnströme gemessen. Bestimmte Muster im EEG deuten auf eine erhöhte Anfallsneigung hin. Ein EEG allein reicht jedoch nicht aus, um eine Epilepsie festzustellen.
In der Regel wird auch eine Magnetresonanztomografie (MRT) gemacht: Diese Untersuchung hilft, Veränderungen im Gehirn zu entdecken, die die Anfälle auslösen könnten.
Nur selten wird das Hirnwasser (Liquor) untersucht – meist bei Verdacht auf eine Hirn- oder Hirnhautentzündung. Es wird durch eine Spritze im Bereich der Lendenwirbelsäule entnommen (Lumbalpunktion).
Behandlung
Welche Behandlung sinnvoll ist, hängt von der Form der Epilepsie und dem Krankheitsverlauf ab. Meist wird eine Epilepsie mit Medikamenten behandelt, sogenannten Antiepileptika. Es stehen unterschiedliche Medikamente aus verschiedenen Wirkstoffgruppen zur Verfügung. Wenn ein Medikament in einer niedrigen Dosierung nicht wirkt, kann zunächst die Dosis erhöht werden. Zeigt sich kein Erfolg, probiert man ein Medikament aus einer anderen Wirkstoffgruppe oder kombiniert mehrere Wirkstoffe.
Da es oft bei einem einzigen Anfall bleibt, kann man mit einer Behandlung meist erst einmal abwarten. Die Therapie beginnt in der Regel erst nach einem zweiten Anfall. Besteht jedoch ein erhöhtes Risiko für erneute Anfälle, wie etwa bei einer Gehirnerkrankung, kann bereits nach dem ersten Krampfanfall eine Behandlung sinnvoll sein. Wichtig ist, die persönliche Situation ausführlich mit der Ärztin oder dem Arzt zu besprechen.
Wer sich für eine Behandlung mit Medikamenten entscheidet, nimmt diese meist über mehrere Jahre ein. Wenn in dieser Zeit keine Anfälle aufgetreten sind, können manche Menschen versuchsweise auf Medikamente verzichten. Andere benötigen ihr Leben lang Medikamente.
Antiepileptika können Nebenwirkungen wie Müdigkeit oder Schwindel haben. Manchmal bestehen spezielle Risiken, zum Beispiel während der Schwangerschaft für das ungeborene Kind. Eine ausführliche ärztliche Beratung ist dann besonders wichtig.
Können die Medikamente Anfälle nicht verhindern, ist ein Eingriff eine Alternative. Zu den Möglichkeiten zählen:
- Operation: Wenn sich bei fokalen Anfällen feststellen lässt, welcher Bereich des Gehirns die Anfälle auslöst, kann er entfernt werden. Das ist aber nicht immer möglich.
- Vagusnerv-Stimulation: Dabei wird ein Schrittmacher unter die Haut im Brustbereich implantiert, der elektrische Impulse abgibt. Er ist über Kontakte am Halsbereich mit dem Vagusnerv verbunden und soll die Überaktivität der Nervenzellen hemmen. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Nerv des vegetativen Nervensystems und an der Regulierung der inneren Organe beteiligt. Für den Nutzen dieser Therapie gibt es bisher nur wenige aussagekräftige Studien. Daher wird die Vagus-Stimulation von den gesetzlichen Krankenkassen nur unter besonderen Voraussetzungen im Einzelfall erstattet.
Die Behandlung wird von einer Neurologin oder einem Neurologen begleitet. Kinder und Jugendliche werden von Kinder- und Jugendneurologinnen und -neurologen betreut. Meist findet ein Teil der Untersuchung und Behandlung im Krankenhaus statt. Manche ambulanten Einrichtungen und Kliniken haben sich auf die Behandlung von Menschen mit Epilepsie spezialisiert: Epilepsie-Zentren, Epilepsie-Ambulanzen und Schwerpunktpraxen. Diese eignen sich besonders bei speziellen Problemen, einer unklaren Diagnose oder wenn es trotz Behandlung weiter zu Anfällen kommt.
Bei einem epileptischen Anfall ist es am wichtigsten, dass Helferinnen und Helfer Ruhe bewahren und Betroffene vor Verletzungen schützen. Dauert der Anfall länger als fünf Minuten an oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf, sollte der Rettungsdienst (Notruf 112) informiert werden. Bei einem schweren Anfall kann ein Krankenhausaufenthalt notwendig sein.
Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein. Sie kann dabei unterstützen, mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern. Ob dies auch dazu beitragen kann, dass weniger Anfälle auftreten, ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.
Weitere Informationen
Bei einer Epilepsie stellen sich viele Fragen, die sich zum Teil nur sehr persönlich beantworten lassen. Die folgende Liste kann das Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt vielleicht unterstützen:
- Wie lautet meine genaue Diagnose?
- Welche Medikamente kommen infrage? Welche Vor- und Nachteile haben sie?
- Welche anderen Behandlungen sind möglich? Welche Vor- und Nachteile haben sie?
- Was kann Anfälle auslösen und wie kann ich dieses Risiko senken? Hilft es vielleicht, meinen Lebensstil zu ändern?
- Wie kann ich meine Sicherheit erhöhen, falls es zu Anfällen kommt?
- Was muss ich im Beruf und im Alltag beachten, zum Beispiel beim Autofahren?
- Hat die Epilepsie Folgen für meine Familienplanung?
- Wirkt sich die Epilepsie auf meinen Versicherungsschutz aus?
- Wo finde ich weitere Unterstützung?
Mädchen und Frauen können zudem zu Themen wie Verhütung, Schwangerschaft und Stillzeit einen besonderen Beratungsbedarf haben. Auch ältere Menschen und solche mit einer geistigen Behinderung haben oft besondere Fragen und Probleme, die eine spezielle Beratung erfordern.
Neben Ärztinnen und Ärzten bieten Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen Unterstützung.
Kann hinter Fieberkrämpfen eine Epilepsie stecken?
Die häufigsten Anfälle im frühen Kindesalter sind Fieberkrämpfe. Die meisten der betroffenen Kinder haben aber keine Epilepsie, da sie nur bei Fieber einen Anfall haben. Etwa 3 % aller Kinder bekommen bis zum 7. Geburtstag mindestens einmal einen Fieberkrampf.
Wie unterscheiden sich Epilepsien bei Kindern und Erwachsenen?
Viele Epilepsieformen beginnen bereits in der Kindheit und halten bis ins Erwachsenenalter an. Die Symptome sind zwar individuell unterschiedlich, hängen aber nicht vom Lebensalter ab. Es gibt jedoch spezielle Epilepsiearten, die im Kindes- und Jugendalter auftreten und danach nicht mehr.
Bei Kindern wie bei Erwachsenen gilt: Manche Epilepsien haben keine erkennbare Ursache, andere sind durch eine Hirnschädigung, Stoffwechselkrankheiten oder genetische Faktoren bedingt. Epilepsien werden bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auch ähnlich diagnostiziert und behandelt. Sie haben aber einen anderen Einfluss auf das Leben – denn Kinder haben andere Bedürfnisse als Erwachsene und gehen mit Krankheiten anders um.
Wie äußern sich Epilepsien bei Neugeborenen?
Bei Neugeborenen und Säuglingen sind Anfälle noch schwerer zu erkennen als bei älteren Kindern. Sie können sich durch Augenbewegungen, Schmatzen, Armrudern und Zuckungen äußern. Oft treten sie schon in den ersten Tagen nach der Geburt auf.
Anfälle bei Säuglingen sind meist die Folge einer Erkrankung. Sie entstehen beispielsweise durch Sauerstoffmangel, Blutungen oder Durchblutungsstörungen im Gehirn. Es gibt aber auch leichte Epilepsieformen, die sich innerhalb weniger Wochen nach der Geburt von selbst wieder legen. Seltener sind erbliche Formen, die schon kurz nach der Geburt auftreten und meist sehr schwer sind.
Welche speziellen Epilepsieformen gibt es bei Kindern?
Zu den häufigsten Formen gehören:
- Absence-Epilepsie: Dabei ist das Kind während eines Anfalls für wenige Sekunden abwesend. Es wird blass, hat einen starren Blick und reagiert nicht auf Ansprache. Zusätzlich kann es mit den Lidern zucken, die Augen verdrehen oder den Kopf nach hinten legen. Solche kurzen Abwesenheiten (Absencen) können bis zu hundert Mal am Tag auftreten.
- Rolando-Epilepsie: Während des Anfalls zuckt eine Gesichtshälfte, manchmal auch ein Arm oder ein Bein. Es kann auch zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Sprech- und Schluckstörungen oder vermehrtem Speichelfluss kommen. Dabei ist das Kind in der Regel bei Bewusstsein. Die Anfälle treten meist beim Einschlafen oder Aufwachen auf.
- Juvenile myoklonische Epilepsie: Sie zeigt sich erstmals in der Pubertät. Zu den Anfällen mit Muskelzuckungen und mitunter ausfahrenden Arm- und Schulterbewegungen kommt es meist morgens nach dem Aufwachen. Manchmal knicken auch die Beine ein.
- West-Syndrom: Diese schwere Epilepsieform beginnt fast immer im Säuglingsalter. Während eines Anfalls beugt und streckt sich der ganze Körper des Kindes, die Nacken-, Hals- und Rumpfmuskulatur verkrampft ruckartig. Die Anfälle treten ebenfalls meist kurz nach dem Aufwachen oder beim Einschlafen auf. Sie dauern oft nur wenige Sekunden an, können aber mit kurzen Pausen bis zu hundert Mal hintereinander auftreten.
Wie verlaufen Epilepsien bei Kindern?
Viele Kinder haben eine leichtere Epilepsie, die nach einigen Jahren verschwindet. Diese Kinder entwickeln sich in der Regel normal und ohne Folgeschäden. Zu den leichteren (auch „gutartig“ genannten) Formen gehören die Rolando-Epilepsie und die Absence-Epilepsie. Bei der Rolando-Epilepsie kann sogar oft auf Medikamente verzichtet werden, da die Anfälle meist wenig belastend sind.
Bei anderen Kindern hält die Epilepsie dauerhaft an und ist mitunter sehr ausgeprägt. Manchmal lassen sich die Anfälle mit Medikamenten wirksam unterdrücken. Sie müssen jedoch meist ein Leben lang eingenommen werden. Sehr schwere Epilepsien wie das West-Syndrom können die Entwicklung beeinträchtigen. Es kann auch sein, dass Medikamente dann nicht oder kaum wirken.
Ärztinnen und Ärzte können oft schon innerhalb einiger Wochen oder Monate nach der Diagnose einschätzen, wie eine Epilepsie langfristig verlaufen wird. Die Prognose hängt davon ab, welche Epilepsieform festgestellt wird und wie gut die ersten Medikamente wirken.
Wie wirkt sich eine Epilepsie auf Kinder aus?
Etwa 70 % der Kinder mit Epilepsie sind geistig normal entwickelt und genauso intelligent wie Kinder ohne Epilepsie. Die Epilepsie schränkt ihren Alltag nur wenig ein. Die Medikamente wirken oft gut, manchmal sind auch gar keine notwendig.
Häufige Anfälle können dagegen körperlich und psychisch belasten. Mögliche Folgen sind:
- Konzentrationsstörungen: Die Kinder sind müde oder sehr unruhig. Dies kann ihre Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.
- schwaches Selbstwertgefühl: Viele Kinder schämen sich wegen ihrer Anfälle. Epileptische Anfälle können verunsichern, weil sie sich nicht kontrollieren lassen.
- Angst vor dem nächsten Anfall: Sie begleitet viele Kinder und ihre Eltern. Deshalb unternehmen sie weniger mit anderen und treiben seltener Sport – auch wenn das für viele von ihnen ohne wesentliche Einschränkungen möglich wäre.
Hinzu kommt das Verletzungsrisiko, zum Beispiel durch einen anfallsbedingten Sturz. Eine verlässliche Unterstützung und ausreichende Behandlung können aber trotz Epilepsie eine gute Lebensqualität ermöglichen.
Bei Menschen mit einer Epilepsie sind Entwicklungsstörungen, Hirnschäden und geistige Behinderungen häufiger. Sie können Folge oder Ursache der Anfälle sein.
Wie gut helfen Medikamente?
Manche Epilepsien sprechen sehr gut auf Medikamente an, andere schlechter oder gar nicht:
- Etwa 60 % aller Kinder werden durch die Behandlung mit dem ersten Medikament anfallsfrei.
- Bei etwa 10 % gelingt dies erst nach dem Wechsel auf ein anderes Medikament.
- Etwa 30 % aller Kinder haben trotz Medikamentenbehandlung weiter epileptische Anfälle.
Wenn ein Kind zum ersten Mal einen Anfall hat, werden oft noch keine Medikamente verschrieben, weil es häufig bei einem oder wenigen Anfällen bleibt. Erst wenn sich Anfälle häufen, sind Medikamente sinnvoll.
Manchmal müssen verschiedene Präparate ausprobiert werden, bis eins davon wirkt. Je mehr Medikamente ausprobiert werden müssen, desto geringer wird aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine wirksame Behandlung möglich ist. Es können auch zwei oder mehr Medikamente kombiniert werden. Ob dies Vorteile hat, ist aber unklar.
Wenn ein Kind anfallsfrei ist, wartet man noch eine gewisse Zeit (zum Beispiel zwei Jahre), bis die Medikamente abgesetzt werden. Ob und wann sie abgesetzt werden können, hängt von der Ursache und der Epilepsieform ab.
Die meisten Epilepsiemedikamente für Erwachsene werden auch bei Kindern eingesetzt. Einige davon sind für Kinder zugelassen, andere nicht. Wird auf letztere zurückgegriffen, können sie nur im Rahmen eines Off-Label-Use verschrieben werden – das heißt, außerhalb der eigentlichen Zulassung. Es kann sein, dass die Medikamente bei Kindern anders wirken als bei Erwachsenen und auch unterschiedlich vertragen werden.
Hilft eine ketogene Diät?
Bei schwer behandelbaren Epilepsien empfehlen Ärztinnen und Ärzte manchmal eine bestimmte Ernährungsform – die ketogene Diät. Dabei werden nur wenig Kohlenhydrate und stattdessen vor allem Fette aufgenommen.
Diese Diät hat zur Folge, dass sich der Stoffwechsel umstellt: Um Energie zu gewinnen, wird Fett statt Zucker abgebaut. Der erhöhte Gehalt an Fettsäuren im Blut soll wiederum die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn beeinflussen und zu weniger Anfällen führen. Wie genau die ketogene Diät wirkt, ist jedoch nicht abschließend geklärt.
Mehrere Studien weisen darauf hin, dass eine ketogene Diät bei Kindern, die auf Medikamente nicht gut ansprechen, die Zahl der Anfälle verringern kann:
- Bei den meisten teilnehmenden Kindern traten deutlich weniger Anfälle auf als vorher.
- Sie fühlten sich insgesamt aktiver und weniger ängstlich.
Allerdings war die Qualität dieser Studien nicht sehr hoch.
Mögliche Nebenwirkungen der ketogenen Diät sind Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall. Eine weitere Hürde: Vielen Kindern fällt es schwer, die Ernährungsumstellung durchzuhalten.
Zu den langfristigen Auswirkungen der ketogenen Diät fehlen bislang Studien. Ärztinnen und Ärzte empfehlen, eine ketogene Diät nach etwa zwei Jahren zu beenden. Treten dann wieder häufiger Anfälle auf, kann sie erneut begonnen werden.
Wann kommt ein Eingriff infrage?
Eine Operation kommt infrage, wenn sich eine belastende Epilepsie nicht gut mit Medikamenten behandeln lässt. Sie ist nur möglich, wenn die Anfälle von einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie). Anfälle, die das gesamte Gehirn erfassen (generalisierte Epilepsie), können nicht operativ behandelt werden.
Um zu klären, ob ein Eingriff infrage kommt, sind umfangreiche Untersuchungen notwendig. Dazu gehören eine Magnetresonanztomografie (MRT), Videoaufzeichnungen mit Messungen der Hirnaktivität (EEG) und die Testung der emotionalen und geistigen Entwicklung (neuropsychologische Untersuchung). Die Untersuchungen dienen auch dazu, den Hirnbereich zu finden, von dem die Anfälle ausgehen.
Es sind verschiedene Operationsverfahren möglich. Dabei wird häufig das Hirngewebe in dem Bereich entfernt, in dem der epileptische Anfall entsteht. Es ist auch möglich, diesen Bereich stillzulegen, indem Nervenfasern durchtrennt werden.
Studienergebnisse zeigen, dass nach einem Eingriff zwischen 30 und 80 von 100 Kindern anfallsfrei waren. Ein Teil der Kinder benötigt anschließend keine Medikamente mehr. Die Erfolgsaussichten einer Operation hängen von der Ursache der Epilepsie und von der betroffenen Hirnregion ab. Jeder Eingriff hat Risiken, da die Entfernung von Gehirngewebe auch unerwünschte Folgen haben kann.
Zudem gibt es die Vagusnerv-Stimulation. Dabei wird eine Elektrode links am Hals eingepflanzt und mit einem kleinen Gerät verbunden, das im Brustbereich unter der Haut eingesetzt wird. Das Gerät sendet über die Elektrode elektrische Impulse an den Vagusnerv und weiter ans Gehirn. Diese Impulse sollen bestimmte Gehirnaktivitäten hemmen und dadurch Anfällen vorbeugen. Für den Nutzen dieser Therapie gibt es bisher nur wenige aussagekräftige Studien. Daher wird die Vagus-Stimulation von den gesetzlichen Krankenkassen nur unter besonderen Voraussetzungen im Einzelfall erstattet.
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Extras
Quellen
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