Skoliose bei Erwachsenen

Einleitung
Bei einer ausgeprägten Skoliose mit starken Beschwerden kann die gekrümmte Wirbelsäule operativ begradigt und stabilisiert werden. Meist ist dafür ein großer Eingriff notwendig, der mit Risiken einhergeht. Deshalb lohnt es sich, die Vor- und Nachteile gut abzuwägen.
Bei einer Skoliose verkrümmt und verdreht sich die Wirbelsäule. Oft ist dies bei Erwachsenen die Folge altersbedingter Veränderungen an den Bandscheiben und Wirbeln. Die Krümmung kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein und wird mit dem sogenannten Cobb-Winkel bestimmt.
Mögliche Folgen einer Skoliose sind Schmerzen entlang der Wirbelsäule und Gleichgewichtsstörungen beim Stehen oder Gehen. Drücken Teile eines Wirbels oder eine Bandscheibe auf das Rückenmark oder auf Nerven, kann es auch zu Schmerzen bis in die Beine oder das Gesäß, Taubheit und Kribbeln kommen.
Eine Skoliose wird in der Regel konservativ, also ohne OP behandelt. Physiotherapie und Schmerzmittel können die stützende Muskulatur stärken und Schmerzen lindern. Die Krümmung lässt sich dadurch aber nicht beseitigen.
Bei einer sogenannten Versteifungsoperation hingegen wird die Wirbelsäule begradigt und stabilisiert. Wenn die Wirbelsäule nur leicht gekrümmt ist und einzelne Nerven beeinträchtigt sind, kommt manchmal auch eine sogenannte Dekompression infrage. Dabei werden am Wirbelkörper Teile von Knochen und Bändern entfernt, um Druck von eingeengten Nerven zu nehmen. Versteifung und Dekompression können auch miteinander kombiniert werden. Die Eingriffe sind mit verschiedenen Risiken wie Nerven- und Knochenverletzungen verbunden.
Symptome
Normalerweise verläuft die Wirbelsäule von vorne betrachtet in einer geraden Linie: Der Kopf steht in einer Linie über dem Kreuzbein und der Oberkörper gerade über dem Becken. Diese Ausrichtung sorgt für Stabilität.
Bei einer Skoliose krümmt und verdreht sich die Wirbelsäule. Dadurch können sich Kopf und Kreuzbein sowie Oberkörper und Becken gegeneinander verschieben. Die Schulter, das Schulterblatt oder die Hüfte stehen dann auf einer Seite höher. Außerdem können Arme und Beine unterschiedlich lang wirken. Je ausgeprägter die Krümmung ist, desto eher wird sie äußerlich sichtbar und führt zu Beschwerden.
Von der Seite betrachtet kann der Oberkörper nach vorne gekrümmt sein und im Bereich der Brustwirbelsäule einen Buckel bilden (Hyperkyphose). Im Bereich der Lendenwirbelsäule kann sich dagegen ein Flachrücken bilden. Das genaue Erscheinungsbild und die Art der Beschwerden hängen neben dem Krümmungsgrad davon ab, welche Abschnitte der Wirbelsäule betroffen sind.
Schmerzen sind typischerweise entlang der Wirbelsäule zu spüren, manchmal auch in den Schultern oder Armen. Sie haben meist mehrere Ursachen – zum Beispiel müssen die Muskeln mehr arbeiten, um den Oberkörper trotz der Verkrümmung der Wirbelsäule aufrecht zu halten. Sie verspannen und ermüden dadurch schneller.
Drücken Teile der Wirbel auf die Spinalnerven oder den Wirbelkanal, kann es zu Beschwerden wie bei einem Bandscheibenvorfall oder einer Spinalkanalstenose kommen. Dazu gehören Schmerzen, die in die Beine oder Füße ausstrahlen, Taubheitsgefühle oder Kribbeln, seltener auch eine Muskelschwäche. Diese Beschwerden können ein- oder beidseitig auftreten und beim Gehen oder Stehen zunehmen.
Eine Skoliose kann auch die Beweglichkeit einschränken und das Gleichgewicht stören. Ist die Krümmung stark ausgeprägt, kann das zu Unsicherheit beim Stehen oder Gehen führen.
Ursachen
Eine Skoliose im Erwachsenenalter kann verschiedene Ursachen haben. Ist sie eine Folge altersbedingter Veränderungen an den Bandscheiben, spricht man von einer „degenerativen Skoliose“ oder „de novo Skoliose“. Sie kann entstehen, wenn die Bandscheiben spröde und flacher werden (Bandscheiben-Degeneration). Zudem werden auch die Bänder und Muskeln zwischen den Wirbeln und um die Wirbelsäule schwächer. Die Folge dieser Veränderungen: Es entsteht ein ungleichmäßiger Druck auf die Wirbelgelenke, sie verformen sich und werden instabiler. Dadurch können die Wirbel in verschiedene Richtungen kippen und die Wirbelsäule verbiegt sich. Einzelne Wirbel können sich auch verschieben (Wirbelgleiten). Meist geht die Skoliose vom unteren Rücken aus, da dort die Wirbelsäule am stärksten belastet wird.
Manche Erwachsene hatten bereits im Kindes- oder Jugendalter eine Skoliose, die aber lange Zeit kaum Beschwerden ausgelöst hat oder nicht aufgefallen ist. Seltener ist eine Skoliose die Folge anderer Erkrankungen, wie zum Beispiel der Parkinson-Krankheit oder von Nerven-, Muskel- oder Bindegewebserkrankungen. Auch Wirbelbrüche infolge von Osteoporose können zu einer Skoliose führen.
Häufigkeit
Mit steigendem Alter werden degenerative Skoliosen häufiger. Schätzungen dazu schwanken stark. Nach manchen Studien könnte etwa ein Drittel der Menschen über 60 Jahren betroffen sein. Bei vielen ist die Skoliose aber nur schwach ausgeprägt und bleibt unbemerkt.
Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Dazu tragen vermutlich hormonelle Veränderungen in den Wechseljahren bei, die Bandscheiben, Bänder und Wirbelkörper schwächen können. Zudem haben Frauen nach den Wechseljahren öfter mit Wirbelbrüchen aufgrund von Osteoporose zu tun.
Verlauf
Die Krümmung der Wirbelsäule kann im Laufe der Jahre zunehmen. Wie schnell dies passiert und ob es zu Problemen führt, lässt sich aber nicht sicher vorhersagen. Manchmal bleibt eine Skoliose über lange Zeit fast unverändert, manchmal schreitet sie relativ schnell fort. Ab einem bestimmten Krümmungswinkel oder bei einer stark verdrehten Wirbelsäule steigt das Risiko, dass die Krümmung zunimmt.
Um das Fortschreiten der Skoliose im Blick zu behalten, werden regelmäßige Kontrolluntersuchungen empfohlen. Wie oft das sinnvoll ist, bespricht man am besten mit der Ärztin oder dem Arzt.
Folgen
Eine starke Krümmung der Brustwirbelsäule kann zu einem Buckel führen. Dadurch wird der Brustraum eingeengt, was die Ausdehnung der Rippen und des Zwerchfells einschränkt. Herz und Lunge können dann nicht mehr so gut arbeiten, was Beschwerden wie Kurzatmigkeit auslösen kann.
Eine ausgeprägte Krümmung oder gebückte Haltung kann auch zur Folge haben, dass man schneller erschöpft oder allgemein müder ist (Fatigue). Denn bei einer Skoliose muss die Muskulatur mehr arbeiten, um den Körper aufrecht und stabil zu halten.
Starke Beschwerden können den Alltag sehr einschränken. Das kann manchmal zu Depressionen, Schlafstörungen und ausgeprägten Ängsten führen. Manche Menschen finden auch die sichtbare Krümmung des Rückens belastend.
Ein seltener Notfall ist das sogenannte Kauda-Syndrom. Dabei werden die Nerven im Wirbelkanal so stark eingeklemmt, dass Nervenschäden drohen. Anzeichen hierfür sind eine zunehmende Schwäche in den Beinen, Lähmungserscheinungen, ausstrahlende Schmerzen oder Probleme mit der Blasen- oder Darmfunktion. Solche Beschwerden sollten sofort ärztlich abgeklärt werden. Es kann eine Notfalloperation erforderlich sein.
Diagnose
Bei einer sorgfältigen Diagnose fragt die Ärztin oder der Arzt zunächst nach den Beschwerden und nach körperlichen Veränderungen – zum Beispiel, ob man kleiner geworden ist. Sie oder er schaut sich an, ob Oberkörper, Hüfte und Knie in einer Linie ausgerichtet sind, wie die Haltung beim Stehen und Gehen ist und ob die Beine unterschiedlich lang sind – oder so erscheinen.
Bei der körperlichen Untersuchung tastet die Ärztin oder der Arzt die Wirbelsäule und den Beckenbereich ab und prüft, ob sich die hinteren Rippen beim Vorbeugen des Oberkörpers auf einer Seite zu einem Buckel hervorwölben. Bei diesem Vorbeugetest wird eine Art Wasserwaage an den Rücken gehalten, um die Neigung zu bestimmen – ein sogenanntes Skoliometer. Weitere körperliche Untersuchungen dienen dazu, Kraft und Reflexe zu prüfen, um mögliche Nervenstörungen zu erkennen.
Die Ärztin oder der Arzt sollte auch informiert werden über:
- andere Erkrankungen
- Medikamente, die man einnimmt
- frühere Operationen an Rücken oder Gelenken
- Erkrankungen in der Familie
Bildgebende Untersuchungen wie Röntgen, Computer-Tomografie (CT) oder Magnetresonanz-Tomografie (MRT) können die Wirbelsäule sichtbar machen. Um die Verformungen gut erkennen zu können, werden Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln gemacht. Manchmal kommen weitere Untersuchungen hinzu, wie zum Beispiel ein Lungenfunktionstest bei Atembeschwerden.
Um festzustellen, wie stark die Wirbelsäule gekrümmt ist, wird der sogenannte Cobb-Winkel bestimmt. Dazu werden auf dem Röntgenbild zunächst die beiden am stärksten geneigten Wirbelkörper am oberen und unteren Ende der Krümmung markiert. Von diesen Wirbelkörpern aus werden dann zwei Linien gezogen, die parallel zu den Außenflächen der Wirbelkörper verlaufen. Dort, wo sich die beiden Linien schneiden, bilden sie den Cobb-Winkel. Ab einem Cobb-Winkel von zehn Grad sprechen Fachleute von einer Skoliose.
Daneben gibt es weitere Maße, die durch bildgebende Untersuchungen bestimmt werden können und die Auskunft über die Fehlstellung der Wirbelsäule geben. Zum Beispiel wird gemessen, wie weit der Oberkörper nach vorne ragt. Dies nennt man die sagittale vertikale Achse (SVA). Um sie zu bestimmen, wird von der Seite ein Röntgenbild gemacht. Anschließend werden senkrechte Linien durch den siebten Halswirbel und einen bestimmten Punkt auf dem Kreuzbein gezogen. Dann wird der Abstand zwischen diesen Linien gemessen.
Auch bestimmte Winkel im Bereich des Beckens und der Oberschenkel spielen bei der medizinischen Beurteilung eine Rolle. Die Fehlstellung genau bestimmen zu lassen, ist vor allem für die Planung einer Operation wichtig.
Behandlung
Wie eine degenerative Skoliose behandelt wird, hängt von der Ursache, dem Ausmaß der Krümmung, der Stärke der Beschwerden und den Auswirkungen auf den Alltag ab.
Grundsätzlich wird empfohlen, im Alltag aktiv zu bleiben und auf ausreichend Bewegung zu achten, um die Muskeln und Knochen zu stärken und die Fitness zu erhalten.
Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören konservative (nicht operative) Behandlungen sowie Operationen. Es gibt jedoch kaum vergleichende Studien zu den Vor- und Nachteilen der Behandlungen. Die meisten Empfehlungen beruhen daher auf der Einschätzung von Fachleuten.
Konservative Behandlungen sollen Schmerzen lindern, den Alltag erleichtern und die allgemeine Belastbarkeit und Lebensqualität verbessern. Die Krümmung können sie aber nicht korrigieren. Zu den Behandlungsmöglichkeiten gehören:
- allgemeine Physio- und Bewegungstherapien zur Kräftigung der Rumpfmuskulatur (zum Beispiel angeleitete Kräftigungsübungen oder Wassergymnastik)
- spezielle Physiotherapien bei Skoliose, zum Beispiel die Schroth-Therapie, eine Kombination aus Haltungs-, Streck-, Muskel- und Atemübungen
- Ausdauertraining zum Erhalt der allgemeinen Fitness (zum Beispiel schnelles Gehen oder Radfahren)
- orthopädische Hilfsmittel wie Schuheinlagen (wenn ein schiefes Becken zu unterschiedlich langen Beinen führt oder umgekehrt)
- bei Bedarf entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen
Bei starken körperlichen Einschränkungen können Hilfsmittel wie Gehhilfen nützlich sein.
Manchmal werden auch orthopädische Rückenstützen genutzt, um die Rückenmuskulatur zu entlasten und dadurch Schmerzen zu lindern. Dazu gehören unter anderem Rückenorthesen, orthopädische Korsette, Rückenstützbandagen und Lendenstützgürtel. Die Vor- und Nachteile solcher Produkte sind bei Erwachsenen mit Skoliose kaum in Studien untersucht und lassen sich nicht allgemein beurteilen. Manche Menschen finden sie aber hilfreich. Ein möglicher Nachteil ist, dass das regelmäßige Tragen von Rückenstützen die Muskulatur schwächen und Probleme dadurch verstärken könnte.
Erwachsenen mit Skoliose wird zudem empfohlen, einer Osteoporose vorzubeugen. Denn die Krümmung kann die Wirbelkörper belasten und das Risiko für Wirbelbrüche erhöhen. Bei starkem Übergewicht wird außerdem zu einer Gewichtsreduktion geraten, um die Wirbelsäule zu entlasten.
Eine Operation kommt infrage,
- wenn die Beschwerden durch konservative Maßnahmen nicht ausreichend gelindert werden können und den Alltag erheblich einschränken sowie
- bei nervenbedingten Problemen wie ausstrahlenden Schmerzen oder Muskelschwäche.
Bei dem Eingriff wird die Wirbelsäule begradigt und fixiert, indem die Wirbelkörper mit Schrauben und Stäben verbunden werden. Mit dieser Methode lässt sich die Wirbelsäule weitestgehend wieder aufrichten. Die Operation wird Wirbelkörperfusion, Versteifungsoperation, Wirbelkörperversteifung oder Spondylodese genannt. Der Eingriff hat verschiedene Risiken, zum Beispiel Nerven- oder Wirbelschäden.
Wenn die Wirbelsäule nur leicht gekrümmt ist und einzelne Nerven beeinträchtigt sind, kommt manchmal auch eine sogenannte Dekompression infrage. Dabei werden am Wirbelkörper Teile von Knochen und Bändern entfernt, um Druck von eingeengten Nerven zu nehmen.
Entscheiden
Die Entscheidung für oder gegen eine Operation ist nicht immer einfach. Einerseits können konservative Behandlungen die Beschwerden manchmal nicht ausreichend lindern. Andererseits geht eine Operation mit Risiken einher. Deshalb sollte sie gut überlegt sein. Dabei spielen verschiedene Aspekte eine Rolle, wie der allgemeine Gesundheitszustand, die Erwartungen an die Operation und die persönlichen Ziele.
Ärztinnen und Ärzte, die bei einer degenerativen Skoliose eine Operation empfehlen, müssen ihre Patientinnen und Patienten auf das Recht auf eine zweite ärztliche Meinung hinweisen. Das bedeutet: Man hat die Möglichkeit, die Entscheidung für oder gegen den Eingriff noch einmal kostenlos mit einer anderen Spezialistin oder einem anderen Spezialisten zu besprechen.
Rehabilitation
Bei einer ausgeprägten Skoliose oder nach einer Operation kann eine Rehabilitation (Reha) infrage kommen. Das gilt auch, wenn andere Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Ziel ist, die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern, um Einschränkungen im Alltag zu verringern, oder eine Behinderung oder Pflegebedürftigkeit zu vermeiden. Eine Reha nach einem Krankenhausaufenthalt wird Anschlussheilbehandlung (AHB) genannt.
Für eine Rehabilitation stellt man zusammen mit der Ärztin oder dem Arzt einen Antrag. Wer für die Bewilligung und Kostenübernahme zuständig ist, hängt vom Erwerbsstatus ab. Bei erwerbsfähigen Menschen ist zum Beispiel die gesetzliche Rentenversicherung zuständig, im Ruhestand die Krankenkasse. Bestimmte Voraussetzungen müssen erfüllt sein und die medizinische Notwendigkeit der Maßnahme muss begründet werden. Wer nach einer Operation eine Anschlussheilbehandlung beantragt, kann sich an den Sozialdienst des Krankenhauses wenden. Die Verbraucherzentrale informiert ausführlich über die Antragsstellung.
Es kommt auch eine multimodale Schmerztherapie infrage – vor allem bei starken chronischen Schmerzen. Dabei wird man von Fachleuten aus verschiedenen therapeutischen Bereichen betreut, zum Beispiel aus der Medizin, der Physiotherapie und der Psychotherapie. Schmerzkliniken, psychosomatische Abteilungen oder orthopädische Rehabilitationszentren bieten multimodale Schmerztherapien an.
Leben und Alltag
Eine Skoliose kann die Lebensqualität stark beeinträchtigen – zum Beispiel, weil der Rücken stark schmerzt, längeres Stehen und Gehen mühsam und anstrengend wird und man bei der Arbeit oder in der Freizeit eingeschränkt ist. Alltägliche Tätigkeiten wie das Aufstehen aus dem Bett können schwerfallen. Manchmal leiden auch die Kontakte im Freundeskreis, die Partnerschaft oder das Familienleben darunter.
Häufigere Pausen bei der Arbeit oder in der Freizeit können nötig sein, weil der Körper schneller ermüdet. Nicht alle Menschen haben hierfür Verständnis. Auch der zusätzliche Aufwand zum Beispiel für Arzttermine oder physiotherapeutische Behandlungen kann auf Dauer belasten – zum Beispiel, weil die Fahrten zu Arztterminen viel Zeit kosten und die Behandlung sehr aufwendig ist, etwa im Rahmen einer Physiotherapie. Den meisten Menschen gelingt es aber mit der Zeit, sich mit ihrer Erkrankung zu arrangieren.
Wenn die Belastungen durch die Skoliose zu psychischen Problemen oder Erkrankungen führen – zum Beispiel zu Niedergeschlagenheit oder Depressionen –, kann es sinnvoll sein, sich Unterstützung zu holen. Psychotherapeutische Behandlungen wie die Verhaltenstherapie können auch zur Schmerzbehandlung eingesetzt werden. Ziel ist dabei, den eigenen Umgang mit den Schmerzen in den Blick zu nehmen. Denn wie jemand Schmerzen empfindet und wie gut es einem Menschen gelingt, mit ihnen umzugehen, wird auch von der Psyche beeinflusst.
Weitere Informationen
Die Hausarztpraxis ist meist die erste Anlaufstelle, wenn man krank ist oder bei einem Gesundheitsproblem ärztlichen Rat braucht. Informationen zur Gesundheitsversorgung in Deutschland helfen dabei, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden und eine passende Arztpraxis zu finden. Mit einer Frageliste kann man sich auf den Arztbesuch vorbereiten.
Der Bundesverband Skoliose-Selbsthilfe e. V. bietet eine Suche nach ärztlichen und therapeutischen Fachkräften sowie Kliniken an, die nach eigenen Angaben Erfahrung mit der Behandlung von Skoliose haben.
Für Menschen mit chronischen Rückenerkrankungen gibt es in Deutschland zahlreiche Angebote zur Unterstützung. Dazu gehören Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Eine Liste von Anlaufstellen hilft, passende Angebote zu finden.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine OP kommt infrage, wenn alle folgenden Punkte zutreffen:
- Die Beschwerden schränken Alltag, Freizeit und Beruf erheblich ein – zum Beispiel wegen der veränderten Körperhaltung, Schmerzen, Nervenstörungen, einer Beeinträchtigung innerer Organe oder Bewegungseinschränkungen.
- Konservative Behandlungen haben keine ausreichende Linderung gebracht.
- Es ist zu erwarten, dass der Eingriff die Beschwerden lindern kann.
Das Ziel einer Operation kann auch sein, das Fortschreiten einer Skoliose aufzuhalten. Ein früherer Eingriff kann den Vorteil haben, dass nicht so viele Wirbel versteift werden müssen, weil die Krümmung noch nicht so ausgeprägt ist. Zudem können die Risiken einer Operation über die Jahre zunehmen, weil man im Alter oft andere oder schwerere Erkrankungen entwickelt, wie zum Beispiel Herzprobleme oder Osteoporose. Eine feste Altersgrenze oder klare Kriterien für den besten Zeitpunkt einer Operation gibt es aber nicht. Und es gibt auch nur wenige Erkrankungen, die eine Operation ganz ausschließen.
Wann ist eine Operation nötig?
Ein sehr seltener Notfall, der eine Operation erfordert, ist das sogenannte Kauda-Syndrom. Es entsteht, wenn das Nervenbündel am Ende des Rückenmarks abgedrückt wird. Anzeichen dafür sind Lähmungserscheinungen oder Schwäche in beiden Beinen, ein Taubheitsgefühl im Dammbereich oder Probleme, das Wasser oder den Stuhlgang zu halten. Bei solchen Beschwerden sollte sofort ärztlicher Rat eingeholt werden. Wird das Rückenmark nicht schnell entlastet, drohen bleibende Schäden.
Was passiert bei einer Versteifungsoperation?
Bei einer Versteifung wird die Wirbelsäule so weit wie möglich aufgerichtet. Dazu werden sowohl die Krümmung als auch die Verdrehung korrigiert. Um dies zu erreichen, werden mehrere Wirbel mit Schrauben und Stäben verbunden. Der Eingriff wird auch Fusion oder Spondylodese genannt.
Damit die Wirbel nach der OP besser zusammenwachsen, werden entlang der Wirbelkörper kleine Knochenstücke (Knochentransplantate) platziert. Sie können aus dem eigenen Beckenkamm entnommen oder als Knochenspende von einer Knochenbank bezogen werden. Ist die Bandscheibe beschädigt, wird sie entfernt und der Raum zwischen den Wirbeln mit Implantaten ausgefüllt. Oft müssen vor der Operation Teile von den Wirbelgelenken, Wirbeln oder Wirbelkörpern entfernt werden, um die Wirbelsäule begradigen zu können (Osteotomie).
Wenn eine Operation in Betracht gezogen wird, ist die Skoliose oft so ausgeprägt, dass 5 bis 10 oder sogar noch mehr Wirbel verbunden werden müssen. Es handelt sich dann um eine große Operation, die mehrere Stunden dauert. Vor dem Eingriff werden genaue Bilder und Messungen von der Wirbelsäule angefertigt, um die Operation zu planen und ein möglichst gutes Zusammenspiel zwischen Wirbelsäule, Kopf, Becken und den Knien zu gewährleisten.
Wie gut hilft eine Versteifungsoperation?
Bislang hat nur eine Behandlungsstudie untersucht, wie gut eine Operation die Beschwerden bei Erwachsenen mit starker Skoliose lindern kann. Darin wurde die Versteifungs-OP mit einer konservativen Behandlung aus Physiotherapie und Schmerzmedikamenten verglichen.
Nach etwa einem Jahr hatten sich unter anderem die Schmerzen, die Auswirkungen der Erkrankung auf den Alltag und das psychische Wohlbefinden nach der Operation etwas stärker verbessert als nach konservativer Behandlung. Weil es sich nur um eine einzelne kleine Studie handelt, lässt sich jedoch nicht abschließend sagen, ob eine OP besser hilft als eine konservative Behandlung.
Ob und wie deutlich sich die Beschwerden nach der Operation bessern, ist individuell und lässt sich nicht vorhersagen. Auch nach dem Eingriff können noch Einschränkungen bestehen.
Welche Risiken hat eine Versteifungsoperation?
Die Verschraubung der Wirbelkörper kann zu verschiedenen Komplikationen führen, wie zum Beispiel Schmerzen und Nervenschäden, die zu einer Muskelschwäche führen.
Wenn die Wirbel nicht richtig zusammenwachsen, kann eine Nachoperation erforderlich werden. Es kann auch zu Problemen am Übergang vom versteiften zum nicht versteiften Teil der Wirbelsäule kommen. Beispielsweise können die benachbarten Wirbel brechen oder die Verschraubung kann sich lösen. Mögliche Folgen sind Schmerzen, Nervenstörungen und Haltungsschäden, die einen weiteren Eingriff erfordern.
In einer Studie, in der 170 ältere Menschen mit Skoliose operiert wurden,
- entwickelten 10 von 100 Personen Nervenschäden, die zu einer Muskelschwäche in den Beinen führten,
- mussten 14 von 100 Personen innerhalb von zwei Jahren nachoperiert werden, einige sogar zweimal.
Eine komplette Querschnittslähmung ist sehr selten, da moderne Überwachungsgeräte während der OP bei drohenden Nervenverletzungen warnen.
Wenn man sich für eine Operation entscheidet, ist es wichtig, sich eine Klinik zu suchen, die auf solche Eingriffe spezialisiert ist.
Welche allgemeinen OP-Risiken gibt es?
Eine Versteifungsoperation geht – wie jede OP – mit allgemeinen Operationsrisiken einher. Dazu gehören zum Beispiel Infektionen, Wundheilungsstörungen und Kreislaufprobleme. In einer großen Auswertung von Operationen, bei denen drei oder mehr Wirbel versteift wurden, zeigten sich folgende Komplikationshäufigkeiten:
- 7 von 100 Personen hatten eine lebensbedrohliche Komplikation wie einen Herzinfarkt, ein Lungenödem oder eine Lungenentzündung,
- 1 von 100 Personen verstarb in den 30 Tagen nach der Operation.
Diese Angaben sind Durchschnittswerte. Das Risiko für Komplikationen hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehören das Alter, der allgemeine Gesundheitszustand und die Komplexität des Eingriffs – zum Beispiel, wie viele Wirbel versteift werden.
Gut zu wissen:
Allgemeine Informationen zur Vorbereitung, Nachbehandlung und den Risiken einer Operation finden sich im Thema Operationen.
Was wird bei einer Dekompression („Entlastung“) gemacht?
Bei der Dekompression werden Knochenteile und Bänder im Bereich eines einzelnen Wirbels entfernt, um Druck von den Nerven zu nehmen, die die Beschwerden verursachen. Sie kommt infrage, wenn alle diese Punkte zutreffen:
- Es bestehen nur Nervenbeschwerden, zum Beispiel ins Bein ausstrahlende Schmerzen.
- Die Wirbelsäule ist stabil.
- Der Cobb-Winkel liegt unter 30 Grad.
Bei einer stärkeren Krümmung halten Fachleute eine Dekompression nicht für sinnvoll, weil dabei Knochen entfernt wird und die Wirbelsäule instabiler werden kann. Dadurch könnte das Risiko steigen, dass die Krümmung weiter zunimmt.
Eine Dekompression ist ein kleinerer Eingriff und hat weniger Risiken als eine Versteifung, kann aber auch zu Komplikationen führen: Während der Operation können die Rückenmarkshäute verletzt werden, was weitere Probleme oder Beschwerden nach sich ziehen kann. Andere mögliche Komplikationen sind Infektionen, Wundheilungsprobleme und ein Herzinfarkt. Wenn es während des Eingriffs zu einem starken Blutverlust kommt, kann eine Bluttransfusion erforderlich werden.
Was kann bei der Entscheidung helfen?
Vor der Entscheidung für eine Operation ist es wichtig, das Für und Wider gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt sorgfältig abzuwägen. Dabei spielt auch die persönliche Situation eine wichtige Rolle, etwa der sonstige Gesundheitszustand oder das Alter, das berufliche und private Umfeld, aber auch die eigenen Wünsche und Erwartungen an die Operation.
Erkrankungen der Wirbelsäule: Welche Behandlungsmöglichkeiten habe ich?
Vor der Entscheidung für oder gegen eine oder mehrere Behandlungen ist es sinnvoll, sich gut über die jeweiligen Vor- und Nachteile zu informieren. Diese Entscheidungshilfe unterstützt dabei.
Ärztinnen und Ärzte, die bei einer Skoliose im Erwachsenenalter eine Operation empfehlen, müssen ihre Patientinnen und Patienten auf das Recht auf eine zweite ärztliche Meinung hinweisen. Das bedeutet: Man hat die Möglichkeit, die Entscheidung für oder gegen den Eingriff noch einmal kostenlos mit einer anderen Spezialistin oder einem anderen Spezialisten zu besprechen.
Mehr Wissen
Quellen
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